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12. Jan 23 | Ute Schäfer geht in Rente - Bilanz von "Urlaub ohne Koffer"


So kennt man Ute Schäfer: Gut gelaunt und immer am Tun. Foto: Anne Zegelman

„Koordinatorin der Initiative ,Kirche für Arbeit‘“ stand in ihrer E-Mail-Signatur. „Dieser Titel hat mich immer zum Schmunzeln gebracht, denn ich habe nie nur kanalisiert, was andere tun wollten“, sagt Ute Schäfer und lacht. „Ich habe es als meine Aufgabe angesehen, selbst Projekte anzustoßen und Menschen zueinander zu bringen, damit Ideen entstehen können.“ Ute Schäfer ist ein bekanntes Gesicht in der Stadtkirche. Dass sie zum Ende des Jahres 2022 offiziell in Rente gegangen ist, betrübt viele – menschlich und inhaltlich. Denn in den 25 Jahren hat sie zahlreiche Projekte für geringqualifizierte Erwerbslose und Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben, angestoßen. Ihre Aufgabenliste war lang: Begleitung und Unterstützung von Erwerbslosen auf der Suche nach Arbeit, Lernen mit benachteiligten Jugendlichen, ein gemeindlicher Erwerbslosentreff, niedrigschwellige Bildungsangebote aller Art der Katholischen Erwachsenenbildung, ein Bürohelferinnenprojekt in Pfarrbüros in Kooperation mit dem Caritasverband, zusätzliche Ausbildungsplätze in kirchlichen Einrichtungen, immer ansprechbar und offen sein für neue Ideen und Bedürfnisse. „Meine Aufgabe als Koordinatorin war es, einzusammeln, was gebraucht wird, und damit in Verbindung zu bringen, was wir als Kirche einbringen und teilen können: Botin, Joker, Organisatorin, Ansprechpartnerin zum Thema Arbeit nach innen und außen“, formulierte sie es jüngst in einer Rede über ihre Tätigkeit. Die die 50-Prozent-Stelle, die 1997 von Caritas, Kirchengemeinden, Einrichtungen und dem Gesamtverband geschaffen wurde, wird so nicht wiederbesetzt, die zahlreichen Aufgaben intern umverteilt. Ute Schäfer wird für mindestens ein Jahr noch auf Honorarbasis tätig sein, um ihre beiden großen Projekte an eine Nachfolge zu übergeben, die erst noch gefunden werden muss. Doch selbst, wenn sich für jedes Projekt und jede Tätigkeit jemand fände: „Das Engagement einer Ute Schäfer kann man nicht ersetzen“, sagte kürzlich Stadtdekan Johannes zu Eltz über sie.

Die Stelle hat sie gefunden

Die kleine Frau mit den kurzen Haaren und der bunten Kleidung hat im Lauf ihres Vierteljahrhunderts beim Bistum schon fast überall ihr Büro gehabt: bei der Caritas in Griesheim, im Haus der Volksarbeit, im Caritas-Standort Hühnerweg und seit der Eröffnung 2007 im Haus am Dom. Dass sie ihre Stelle, die zunächst nur auf drei Jahre ausgelegt war, 25 Jahre lang ausfüllen würde, das hätte sie sich vorher nicht vorstellen können. „Erst recht nicht, weil die Stelle ja mich gefunden hat“, sagt sie lächelnd. Schäfer, die 1957 in Andernach am Rhein geboren wurde, wusste schon früh, dass sie etwas Soziales machen wollte. „Ich war schon immer erbost über Unrecht und Armut“, erzählt sie. Nach dem Abitur studierte sie Sozialarbeit an der Katholischen Fachhochschule in Münster (Westfalen). Ihr Anerkennungsjahr als Sozialarbeiterin absolvierte sie in einem Jugendzentrum in Münster und begann, ihren beruflichen Weg zu suchen. Ute Schäfer arbeitete in der Familienpflege, gab Kurse für Zivildienstleistende und beantwortete Briefe für die Katholische Fernseharbeit.

Erfahrungen aus erster Hand

1983 zog sie nach Hessen. Kurz arbeitete sie wieder als Sozialarbeiterin, kündigte dann aber – und stand plötzlich beruflich „auf der Straße“. „Ich brauchte kurzfristig einen neuen Job, also heuerte ich bei einer großen Gebäudereinigungsfirma an“, erklärt sie. Der Job sei zwar schlecht bezahlt gewesen, doch in Vollzeit habe sie einigermaßen davon leben können. Ute Schäfer putzte ein Hotel und später die IG-Metall-Vorstandsbibliothek. Und sie lernte aus erster Hand, was es bedeutet, in einem prekären Arbeitsverhältnis zu sein: „Dort habe ich mitbekommen, was in so einer Firma alles passiert – dort gab es zu der Zeit noch keinen Betriebsrat.“ Der gründete sich später, weil die IG Metall, ein Großkunde der Firma, einen Betriebsrat zur Bedingung gemacht hatte. Und Ute Schäfer wurde zur Vorsitzenden gewählt, später auch dafür freigestellt. Bis 1992 blieb sie in der Firma – „bis ich das Gefühl hatte, der Betriebsrat war fest etabliert.“ Anschließend arbeitete sie vier Jahre lang als Öffentlichkeitsarbeiterin einer christlichen Friedenskampagne, bevor sie 1996 betriebsbedingt gekündigt wurde – wieder eine Erfahrung, die auch viele ihrer späteren Schützlinge machen mussten. Ute Schäfer entschloss sich zu einem Sabbat-Jahr und überlegte, ob sie sich selbständig machen sollte. „Aber dann bin ich von meiner späteren Stelle gefunden worden“, erinnert sie sich. Denn sie kannte viele verschiedene Leute, und als für eine neu geschaffene 50%-Stelle in Caritas-Trägerschaft eine Sozialarbeiterin gebraucht wurde, wurde sie angesprochen. Legendäre Idee beim Pizzaessen 2010 kam sie beim Pizzaessen mit Elke Gutberlet, ehemalige Mitarbeiterin der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB), auf die Idee für ein Projekt, das ihr größtes werden sollte: „Die KEB hatte langjährige Erfahrungen mit Freizeiten für finanzschwache und kinderreiche Familien, und ich dachte mir, so etwas sei dingend nötig für Menschen, die kein Geld und keine Arbeit haben“, sagt Ute Schäfer. Das ökumenische Programm „Urlaub ohne Koffer“, das aus dieser Idee entstand und das Menschen mit geringem Einkommen in den Sommerferien einen ein- oder mehrtägigen Ausflug ermöglicht, der aus Spenden und Bistumsgeldern finanziert wird, ist ein Dauerbrenner; vor der Corona-Pandemie nahmen jährlich fast 800 Menschen teil. Die Ausflüge gehen zum Beispiel ins Kloster Maria Laach oder in einen Freizeitpark, es gibt ein Picknick aus Tausendundeiner Nacht, Yoga im Grünen, einen Blumenworkshop oder einen Besuch im Hessenpark. Auch in den Herbstferien werden einige Angebote gemacht. „Einmal standen an einem Anmeldetag so viele Leute vor dem Haus, dass die Polizei kam und fragte, ob dies eine unangemeldete Demo sei“, erzählt Ute Schäfer. Mittlerweile funktioniert die Anmeldung schriftlich, doch noch immer ist das Angebot extrem beliebt: Es gibt stets viel mehr Interessentinnen und Interessenten als Plätze. Dass das Büro im zweiten Stock auch nach ihrem Weggang für die Sache erhalten bleibt, ist ihr wichtig: „Ich möchte, dass hier ein Ort besteht, der nicht aussieht wie ein Sozialamt.“

Psychische Belastung in Erwerbslosigkeit

Stolz ist Ute Schäfer außerdem auf das Projekt „Hinterm Horizont geht’s weiter…“, einem Angebot für Erwerbslose, das es seit Mitte der 2000er Jahre gibt. „Es richtet sich an Leute ohne Arbeit, die einen Job finden oder allgemein ihre Lebenssituation verbessern und sich austauschen wollen“, sagt sie. Für sie gibt es acht bis zehn Angebote pro Jahr mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Da geht es um die psychische Belastung in Erwerbslosigkeit, um Entspannungsübungen oder darum, wie man draußen leckere Kräuter findet, um günstig zu kochen. Politisch wird es bei einem Gespräch mit Mitgliedern der Nationalen Armutskonferenz oder bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“. Als Neckermann 2012 Pleite ging, bot Ute Schäfer den Beschäftigten direkt ein ähnliches Programm an, das gut angenommen wurde. Sie saß bis zu ihrer Rente in der Mobbing-Kontaktstelle und gab mit ihrem evangelischen Kollegen Dr. Gunter Volz jährlich das Heft „Wichtige Frankfurter und Offenbacher Adressen für Menschen in Not“ heraus. Wenn sie ihre Projekte im Lauf des Jahres 2023 übergeben hat, möchte sie vieles, das sie schon jetzt tut, langsamer machen – zum Beispiel die Friedensarbeit für die Organisation Pax Christi. Außerdem will sie sich mehr dem Thema Klima widmen, in ihrem Garten arbeiten – und mehr Zeit für Begegnungen mit Menschen haben: „Denn ich habe zwar immer viele Leute getroffen, aber meistens leider viel zu kurz.“

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