20. März 24 I Denken im großen Ganzen und nicht in angestammten Flächen
- 20. März 2024
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In Form von „Bereisungen“ werden die Gebäudepläne für die evangelischen „Nachbarschaftsräume“ vorangetrieben
Im vergangenen Sommer hat die evangelische Stadtsynode und Regionalversammlung von Frankfurt und Offenbach beschlossen, dass sich die Kirchengemeinden beider Städte bis zum 31. Dezember 2026 in zehn Nachbarschaftsräumen organisieren. Verschiedene Punkte gilt es entsprechend zu regeln, dazu zählen die Immobilien. Ein zwischen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und dem Evangelischen Regionalverband Frankfurt und Offenbach abgestimmter Gebäudebedarfs- und –entwicklungsplan soll Grundlage für die Räumlichkeiten und Flächen der Nachbarschaftsräume sein. Wie der Plan aussehen kann, wird derzeit sondiert. In Form von „Bereisungen“, Besichtigungen, werden die aktuellen Gegebenheiten vor Ort erkundet. Im Bereich Süd-Ost und Offenbach des Stadtdekanats haben sie dieser Tage stattgefunden. Vier Workshops zu den vier Nachbarschaftsräumen dieses Stadtdekanatsgebiets sind für Ende des Jahres 2024 geplant.
Auftakt der ersten Tour an der Hauptwache: Ein Zollstock ragt aus dem Rucksack einer Bauabteilungsmitarbeiterin, ihre Kollegin hält ein Tablet in Händen – beim Start an der Sankt Katharinenkirche sind 15 bis 20 Leute zusammengekommen: Pfarrer:innen, Kirchenvorstandsmitglieder, Vertreter:innen des Gebäudeausschusses, Mitarbeitende der Abteilung III Bau, Liegenschaften und Hausverwaltung des Evangelischen Regionalverbandes sind dabei, alle tragen festes Schuhwerk. Sie werden den gesamten Vormittag unterwegs sein, von vier Gemeinden werden Versammlungsräume und Kirchen besichtigt. Die Sankt Katharinengemeinde wird zukünftig mit der Sankt Paulsgemeinde, ebenfalls ansässig in der Innenstadt, und den beiden Nordendgemeinden, Sankt Peters und Gethsemane, einen Nachbarschaftsraum bilden.
Klaus Eldert Müller, als Kirchenmusiker von Sankt Katharinen Teil des Verkündigungsteams des Nachbarschaftsraums, schließt die Katharinenkirche in der Frühe für die Besichtigenden auf. Er und Kirchenvorstandsmitglied Wolfram Schmidt beschreiben die Gegebenheiten der Sankt Katharinengemeinde: Zum Beispiel, dass die Tage des Gemeindehauses an der Leerbachstraße gezählt sind. Bislang probte hier Müller mit der Kantorei. „Wir haben von der Gethsemanegemeinde ein freundliches Angebot erhalten“, berichtet Schmidt.
Welche Räume bleiben, wo Gemeindebüros zusammengelegt werden, ist noch offen. Die Landeskirche verfolgt die Absicht, bis 2030 zehn bis 15 Millionen Euro der Bauzuweisungsmittel einzusparen. Die Mitgliederzahlen gehen zurück, entsprechend muss reagiert werden. Mittels eines „qualitativen Konzentrationsprozesses“ soll verkleinert werden. „Es geht nicht um die einzelnen Flächen, sondern um das große Ganze“, leitet der Leiter der Bauabteilung des Evangelischen Regionalverbandes, Cornelius Boy, die erste Frankfurter „Bereisung“ ein. „Gebäude, die in der Innenstadt so nah beieinanderliegen, ermöglichen zahlreiche Varianten der Nutzung für die Menschen in den Gemeinden“, sagt die für den Bereich Süd-Ost und Offenbach zuständige Prodekanin Amina Bruch-Cincar.
Besuch der Gemeinden auf der südlichen Mainseite
An einem anderen Freitag geht es nach „Dribbdebach“, die Gemeinden zwischen Oberrad und dem äußersten Sachsenhausen, gleichfalls zum Dekanatsbereich Süd-Ost gehörend, werden in Augenschein genommen. Die zurückzulegende Strecke ist deutlich länger, mit Autos macht sich die Gruppe auf. Manche Ausschussmitglieder des Kirchenparlaments sind wieder dabei, auch bei den Vertreter:innen der Bauabteilung gibt es wenig Wechsel, nur die Haupt- und Ehrenamtlichen sind die der Erlösergemeinde, Oberrad und die von Maria-Magdalena sowie Dreikönig, beide Sachsenhausen.
Gestartet wird an der Erlöserkirche in Oberrad. Die Sachsenhäuser Gemeinden spreizen sich auf: zwischen Sachsenhäuser Berg und Mainufer, die Dreikönigsgemeinde – und zwischen hinterem Verlauf der Mörfelder Landstraße und Otto-Hahn-Platz die Maria-Magdalena-Gemeinde. Beide Gemeinden haben Fusionen erlebt.
Am Otto-Hahn-Platz steht die Lukaskirche, im Zweiten Weltkrieg traf eine Bombe das Jugendstilgebäude. Von der „Bilderkersch“ mit zahlreichen Gemälden Wilhelm Steinhausens ist wenig geblieben, Fotos künden im Treppenhaus von vergangenen Zeiten.
Nach dem Krieg wurde mit bescheidenen Mitteln wiederaufgebaut, mit viel Farbsinn Anfang der Zweitausender der Lukas-Kirchenraum erneut saniert, die Orgel in den neunziger Jahren umfassend renoviert. Das benachbarte ehemalige Pfarrhaus hat seit einigen Jahren einen privaten Eigner, der dieses auch für sich nutzt. Im Kirchhof ist eine orangefarben abgesetzte Kita entstanden – Umbauprozesse, Abgaben sind hier wie an vielen anderen evangelischen Kirchorten Frankfurts wohlvertraut.
Zum Abschluss dieser Tour parken die Fahrgemeinschaften in der Nähe des Eisernen Stegs. Hier erhebt sich die Dreikönigskirche, errichtet als „Pendant des Doms“. Zusammen kommt die Runde in ihrem Schatten, in einem Nachkriegsbau mit deutlichen Gebrauchsspuren. Vermarkten könne man das Bezirksbüro an der Oppenheimer Straße doch vielleicht, sagt jemand und dann wieder darin Räume mieten, etwa für Konzertproben. Ob ein Traum oder realistisch, wird sich in der weiteren Auswertung, zu denen die Nachbarschafts-Workshops im Herbst gehören, weisen.
Prodekanin Amina Bruch-Cincar erinnert daran, dass nicht länger in Gemeindekategorien zu denken ist, sondern „dass wir voneinander wissen müssen, um miteinander zu schauen, welche Räume wir in Zukunft brauchen – und uns leisten können“.
Ähnliche Touren wie durch die Innenstadt und das südliche Frankfurt wurden dieser Tage auch durch Offenbach und sowie den vierten Nachbarschaftsraum dieses Bereichs, der von Bornheim bis nach Fechenheim reicht, unternommen. Die entsprechenden „Bereisungen“ im Bezirk Nord-West des Stadtdekanats wird es im kommenden Jahr geben. Dort hat Prodekanin Stefanie Brauer-Noss erst dieser Tage ihr Amt angetreten.

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