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Ein Stimmungsbild am ÖKT-Eröffnungstag


ÖKT-Treiben am Römerberg mit Fahnen, Buchstaben und Gegendemonstranten. Justitia bleibt gelassen. Foto: Anne Zegelman

Mit viel Körpereinsatz versucht die junge Frau, den richtigen Winkel für ihr Foto zu finden. Motiv ist das blaue U, das derzeit auf dem Römerberg steht und zur Buchstabeninstallation „Schaut hin!“ gehört. Mit aufs Bild sollen auch die flatternden Fahnen und natürlich das Frankfurter Rathaus. „Ich bin aus Marburg hergekommen, weil ich neugierig war, was vom Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt zu sehen ist“, sagt die Besucherin, die den Aufnäher eines früheren Kirchentages stolz auf dem Rucksack trägt. Ihr Fazit: „Die Buchstaben und Fahnen sind schön, aber im allgemeinen Trubel gehen sie eher unter. Wenn man nicht bewusst darauf achtet, fällt es nicht auf.“ Etwas auffälliger kommen die Protestwagen der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) vor dem Römer daher: Große Figuren aus Pappmaché, ähnlich denen auf einem Fastnachtswagen, fallen sofort ins Auge, die dazugehörigen Schrifttafeln fordern transparente Aufklärung von Missbrauchsfällen. Eine andere Figur – ein nackter Martin Luther, dem Judenfeindlichkeit vorgeworfen wird – sorgt bei Passanten für Kopfschütteln. Maximilian Steinhaus, Sprecher der Initiative, freut sich, dass die Protestaktion die Menschen dazu bringt, stehenzubleiben. „Unser Hauptkritikpunkt ist, dass die öffentliche Hand für den Kirchentag Geld zur Verfügung stellt, obwohl es sich eindeutig um eine kirchliche Veranstaltung handelt“, so Steinhaus.

Fröhlicher Geist oder ablehnende Haltung

Die Stimmung an diesem Eröffnungstag des ÖKT ist durchwachsen. Manche sind extra hergekommen und lassen sich vom fröhlichen Geist der Ökumene anstecken, andere interessieren sich überhaupt nicht dafür oder lehnen den ÖKT sogar ab. „Keine Ahnung, was an dieser Veranstaltung so interessant sein soll“, grummelt ein Mann eine Passantin an, die gerade ein Foto vom Buchstaben A vor der Paulskirche macht. Dass irgendetwas vor sich geht in Frankfurt, das ist sicht- und spürbar. Doch nicht alle, vielleicht nicht einmal viele wissen, dass gerade Deutschlands größtes christliches Laientreffen begonnen hat – und dass, wenn Corona den ÖKT nicht ins Digitale gezwungen hätte, mehr als 100.000 Besucher nach Frankfurt gekommen wären. „Keine Ahnung, aber man merkt, dass irgendwas los ist“, sagt ein junger Mann auf die Frage, ob er denn wüsste, welche Großveranstaltung gerade begonnen habe.


„Der liebe Gott sorgt gut für mich“


Olaf, der rund ums Jahr vor dem Eingang zu Liebfrauen Heiligenbildchen und Rosenkränze verkauft, hätte sich bei einem analog stattfindenden Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt sicher über einen guten Umsatz freuen dürfen. Doch so bleiben die Besucher größtenteils aus, nur wenige Tagestouristen kommen und Olaf verkauft nicht mehr als sonst. Doch er ärgert sich nicht: „Es läuft wie immer, der liebe Gott sorgt gut für mich.“

Richtig viel los ist dagegen an der Installation „Ein Tisch“ zwischen Katharinenkirche und Hauptwache. Neben Buchstaben und Fahnen ist der mehrgeteilte blaue Tisch nämlich eines der wenigen sichtbaren ÖKT-Zeichen in Frankfurt. Das zieht auch die Medien an, zahlreiche Kamerateams sind am Donnerstagmittag zwischen den überdimensionalen Stühlen und Tischteilen unterwegs.


Ein beliebtes Fotomotiv


In der ÖKT-Woche darf täglich eine andere Gruppe oder Institution auf der Tischplatte ihre Themen inszenieren. An diesem Nachmittag bespielt „Oikocredit“ das ausladende Kunstwerk. Die Genossenschaft finanziert mit dem Kapital ihrer Mitglieder Partnerorganisationen in Entwicklungs- und Schwellenländern.

„Unsere Botschaft lautet: Es ist genügend Geld für alle da, wenn wir es richtig einsetzen und verteilen“, erklärt Brigitte Bertelmann aus dem Vorstand. Auf dem Tisch haben die Verantwortlichen einen großen Geldsack und allerhand mit Geldscheinen bedruckte Tücher drapiert, was vor der Bankenskyline ein beliebtes Fotomotiv ergibt. Ein Mann regt sich lautstark auf, dass die Katholische Kirche so ziemlich alles segne, nur keine gleichgeschlechtlichen Paare. „Warum?“, will er wissen. Das können ihm die Umstehenden auch nicht so genau sagen, sind die meisten doch vor allem hergekommen, um sich den Tisch anzuschauen.

"Besser als gar nichts"

So wie Julia und Helmut aus Oberursel, die mit dem Fahrrad nach Frankfurt gefahren sind. „Es ist schon schade, dass die Begegnungen ausfallen“, findet die Frau aus dem Hochtaunuskreis. „Aber digital ist besser als gar nichts.“ Die beiden wollen den einen oder anderen Programmpunkt im Internet verfolgen. Auch Arthur Moeller aus Frankfurt findet es richtig, dass der ÖKT ins Digitale verlagert wurde: „Mit der aktuellen Gesundheitsgefahr war das die richtige Entscheidung! Lässt sich halt nicht ändern.“

Finn und seine Kameradinnen und Kameraden vom Verband Christlicher Pfadfinder haben an diesem Tag Hilfsdienst und staffieren die Besucher, die etwas verloren zwischen den großen blauen Stühlen stehen, mit Infomaterialien zum ÖKT aus. Zwei seiner Kolleginnen vertreiben sich die Zeit, indem sie Klatschspiele wie früher in der Schule veranstalten. Selfies und Fotos werden gemacht. Die Stimmung ist gut, die Sonne scheint. „Viele Leute kommen und fragen, was es mit dem Tisch auf sich hat“, berichtet Finn. „Ganz viele wissen tatsächlich nicht, dass ÖKT ist, oder interessieren sich nicht dafür.“ Den exponierten Standort an der Hauptwache findet er gut: „So kriegen viele Leute mit, dass etwas anders ist als sonst.“

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