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25. Jan 23 | Letzte Reise im Bananenblatt


Klaus Reichert, hier zu sehen neben seinem Portrait, und Fotograf Thomas Balzer (unten) sind Teil der Künstlergruppe Gotensieben und haben die Ausstellung fürs Bestattungshaus Pütz-Roth in Bergisch Gladbach inszeniert. Foto: Anne Zegelman

„Tot wird man entspannter sein als beim Fotoshooting“ steht neben dem Foto eines Geschäftsmannes im feinen Zwirn, der sein Haupt auf ein weißes Sargkissen gebettet hat. Das Gesicht ist unbewegt, bleich, tatsächlich wie im Tod – und doch reckt der den Daumen seiner linken Hand nach oben. Das ist witzig, wirkt aber irgendwie auch verstörend; ein krasser Kontrast. Der Steuerberater Stephan Michels hat sich „im letzten Hemd“ ablichten lassen, genauso wie 49 weitere Menschen, die seit dieser Woche in der gleichnamigen Ausstellung im Zollamtssaal des Hauses am Dom zu sehen sind. Die Bilderschau, in der 25 der 50 Portraits gezeigt werden, sorgt in Frankfurt für viel Interesse – und macht nachdenklich. „Dem Tod ins Gesicht zu sehen, kann eine heilsame Erfahrung sein. Über das eigene Ende nachzudenken und so ein Gefühl dafür zu bekommen, wie kostbar Lebenszeit ist, wird für die Betrachter der Bilder nur eine Erkenntnis sein, die sie aus der Ausstellung mitnehmen werden“, schreibt die Frankfurter Künstlergruppe Gotensieben über das Projekt, das vom Bestattungshaus Pütz-Roth in Bergisch Gladbach inspiriert und ermöglicht wurde und das seit fünf Jahren als Wanderausstellung durch Deutschland reist. Bis zum 26. Februar werden die Bilder im Haus am Dom ausgestellt.

Manche fanden es zu makaber

„Wir schätzen, das seitdem rund 60.000 Besucherinnen und Besucher die Ausstellung gesehen haben“, sagt der Medienexperte Klaus Reichert, der Teil der Künstlergruppe Gotensieben und zugleich Sprecher des Bestattungshaus aus Bergisch Gladbach ist. Fotograf Thomas Balzer, ebenfalls von der Künstlergruppe Gotensieben, hat die Portraits angefertigt. Zum Teil sind sie im Fotoatelier der beiden in Frankfurt entstanden, zum Teil im Bestattungshaus in Bergisch Gladbach. Die Portraitierten sind Freunde von Balzer und Reichert, Bekannte, andere Künstler. „Als wir die ersten Menschen angesprochen haben, ob sie mitmachen und sich in ihrem letzten Hemd fotografieren lassen wollen, fanden das manche zu makaber“, erinnert sich Reichert. Andere haben sich auf das Experiment eingelassen – und erlebt, dass es einen Denkprozess über das eigene Ableben in Gang gesetzt hat. „Viele haben sich auf diese Weise erstmals damit auseinandergesetzt, was sie tragen und welche Gegenstände sie bei sich haben möchten“, so Reichert. Die Kleidungsstücke, die die Portraitierten für ihre letzte Reise gewählt haben, sind sehr unterschiedlich. Manche tragen ihre gute Kleidung, andere mögen es lässiger mit Shirt oder Kapuzenpulli. Eine Frau hat sich nackt in ein großes Bananenblatt gewickelt, weil sie kurz zuvor auf einer Reise nach Costa Rica erlebt hat, dass Menschen dort so bestattet werden. Einer hat einen Fastnachtsschal auf dem Sargkissen liegen, einer einen Apfel in der Hand, wieder ein anderer einen platten Fußball.

Vorstellung der eigenen Ewigkeit

Neben jedem der vermeintlich „toten“ Portraits hängt ein kleineres Foto, das dieselbe Person lachend, in Bewegung, mit ausdrucksstarker Mimik zeigt. Dazu ein Zitat über die Vorstellung des eigenen Tods, der eigenen Bestattung, der eigenen Ewigkeit. Interessant: Ursprünglich war es gar nicht geplant, auch „lebendige“ Fotos der Modelle zu zeigen. „Die sind jeweils in dem Moment entstanden, nachdem das ernste Foto mit geschlossenen Augen im Kasten war und die Leute ihre Augen wieder aufgemacht haben“, erzählt Reichert. Die Lebensfreude, Erleichterung, das Lachen in den Gesichtern auf den kleinen Fotos bildet einen wunderbar reizvollen Kontrast zur ernsten, blassen Stille der Hauptportraits. „Als wir die gesehen haben, wussten wir, dass wir sie ebenfalls zeigen wollen – einfach auch, um in der Ausstellung keine ,Gruselatmosphäre‘ zu schaffen.“

Sonnenbrille für den Gang ins Licht

Auch Klaus Reichert selbst hat sich übrigens „im letzten Hemd“ fotografieren lassen, genauso wie die Mitglieder der Familie Roth. Reichert trägt ein schwarzes Hemd mit Kragen und eine Sonnenbrille. Auf letztere angesprochen, schmunzelt er: „Man geht doch ins Licht, oder? Nicht, dass das blendet!“ Schon vor mehr als zehn Jahren zeigte das Haus am Dom die erste von Pütz-Roth initiierte Ausstellung zum Thema Sterben: Unter dem Titel „Ein Koffer für die letzte Reise“ verschickte Gründer Fritz Roth leere Koffer, die mit dem gefüllt werden sollten, was Menschen wirklich wichtig ist – und was sie gerne in die Ewigkeit mitnehmen würden. Nach dem Tod von Fritz Roth haben seine Kinder Hanna und David Roth das Bestattungshaus übernommen und mit der Ausstellung „Im letzten Hemd“ nun abermals eine interessante Möglichkeit initiiert, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Übrigens auch, indem man sich selbst „im letzten Hemd“ fotografieren lässt. Im Zollamtssaal steht eine Fotobox mit Selbstauslöser; die Bilder, die dort entstehen, kann man an eine Pinnwand pinnen. Das macht auch Besucherin Efthymia Kebala. „Ich bin selbst Künstlerin und habe schon zum Thema Tod gearbeitet, daher finde ich diese Ausstellung hochinteressant“, sagt sie, zieht sich das Seidendeckchen bis zum Hals hoch, schließt die Augen und wartet aufs Blitzlicht des Selbstauslösers.

Aufklärung über Möglichkeiten bei Bestattung

Ein Element der Ausstellung ist für die Roths sowie die Künstlergruppe auch die Aufklärung darüber, was mit Blick auf Bestattungen eigentlich möglich ist. „Viele Menschen wissen gar nicht, dass man sich im eigenen Hemd und mit Grabbeigaben bestatten lassen kann – und dass es sogar erlaubt ist, ein eigenes Kissen und eine eigene Decke dafür zu nutzen“, sagt Reichert. Teil der Ausstellung sind übrigens auch von Studierenden und Lehrenden der Frankfurter Schule für Mode und Bekleidung gefertigte Totenhemden, die die Historie des letzten Hemdes aufgreifen. Die Studierenden und Dozent:innen werden, gemeinsam mit zahlreichen Portraitierten sowie David Roth vom Bestattungsinstitut und den Künstlern, bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung dabei sein.

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Zur Ausstellung gab es ein umfangreiches Rahmenprogramm. Die Ausstellung war vom 25. Januar bis zum 26. Februar im Haus am Dom, Domplatz 3, zu sehen.

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