Mittendrin – und doch eine Sonderrolle – aus dem Alltag der Krankenhausseelsorge


Sybille Neumann, unterwegs an ihrem neuen Arbeitsplatz, der Frankfurter Uniklinik Foto: Rolf Oeser

Planbar ist wenig, existenziell sind die Fragen, die an die katholische Pastoralreferentin Sabine Bruder und die evangelische Theologin Sybille Neumann in der Frankfurter Uniklinik herangetragen werden, sehr oft. Bei den beiden geht es um Leben und Tod. Tag für Tag – oder zumindest an fast jedem Tag. Sybille Neumann, evangelische Pfarrerin und Pädagogin und Sabine Bruder, katholische Pastoralreferentin, arbeiten als Krankenhausseelsorgerinnen in der Frankfurter Uniklinik. Die eine, Neumann, hat gerade ihre ersten 100 Tage in der Neugeborenstation und Gynäkologie hinter sich, Bruder ist seit rund zehn Jahren in der Hochschulklinik am Niederräder Mainufer tätig, „ich bin hier sozusagen die Langgedienteste von der katholischen Fraktion“, sagt Bruder und lacht. Zehn Personen umfasst das ökumenische Seelsorgeteam, vier der Seelsorger:innen sind evangelisch, sechs katholisch, unterschiedliche Zusatzqualifikationen sind vertreten, beispielsweise in Psychoonkologie.

Sabine Bruder, 58, aufgewachsen im Hintertaunus hat vor dem Studium der katholischen Theologie an der Hochschule Sankt Georgen in Oberrad, im benachbarten Sachsenhausen eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, sie weiß, wie es zugeht auf den Fluren zwischen Diagnose und OP, zwischen Patient:innengespräch und Austausch mit den Angehörigen, zwischen medizinischer Aufklärung und Essensausgabe von den Anfängen ihres Berufslebens an.


Pastoralreferentin Sabine Bruder ist auch in der Ausbildung von Ehrenamtlichen engagiert. Foto: Seelsorge des Universitätsklinikums Frankfurt

Seit rund zwei Jahren hat sie nun auch offiziell mit einem 25-Prozent-Stellenumfang einen weiteren Schwerpunkt neben der Seelsorge in der Frankfurter Uniklinik: die Ausbildung und Begleitung von Ehrenamtlichen in der Seelsorge. Schon gut zehn Jahre engagiert Bruder sich dafür, froh ist sie, „dass die beiden großen Kirchen diese Arbeit nun deutlicher fördern und unterstützen“. Aktuell leitet die Pastoralreferentin zusammen mit zwei evangelischen Kolleg:innen den mittlerweile 23. Ausbildungskurs des ÖAKS (Ökumenischer Arbeitskreis Seelsorge), der Ehrenamtliche im Rhein-Main-Gebiet für die Seelsorge in Kliniken, Altenheimen, Gemeinden und im Hospiz qualifiziert.


In der riesigen Uniklinik hat jede ihren Bereich

„Ich bin gerade noch dabei, mich zurecht zu finden“, erzählt Sybille Neumann und meint damit auch Räumliches: 424.931 Quadratmeter misst die Fläche der Uniklinik – ohne die Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim. Mit dem Rad kommt die 53-Jährige von ihrem Zuhause in Dreieich zur Arbeit und ist auch auf dem Klinikareal damit unterwegs: Beachtlich findet die Theologin die Strecken, die auf dem Gelände zwischen den Gebäuden zurückgelegt werden müssen. Aber sie hat natürlich ihren Mikrokosmos: in der Neonatologie, in der Geburtshilfe. Sybille Neumann begleitet Mütter und Väter von Frühgeborenen oder erkrankten Neugeborenen, die oft lange Zeit in der Klinik verbleiben müssen. Sie wird vom Stationsteam hinzugezogen wenn Eltern sich nach der Geburt mit einer todbringenden Erkrankung des Neugeborenen konfrontiert sehen, oder eine Behinderung für ihr Kind diagnostiziert bekommen: Neumann steht Eltern zur Seite, die kurz vor der Entbindung erfahren, dass Ihr Baby nicht lebensfähig sein wird.

Zugute kommt der Pfarrerin dabei auch ihr Pädagogikstudium und ihre Berufserfahrung. Eine der Berufsstationen der gebürtigen Frankfurterin war die Co-Leitung der Kita der Europäischen Zentralbank. Nach einer Zeit als Gemeindepfarrerin in der Evangelischen Johannesgemeinde in Neu-Isenburg wechselte Sybille Neumann 2014 als Schulpfarrerin, Lehrkraft für Religion/ Ethik und Schulseelsorgerin an die Beruflichen Schulen Berta Jourdan im Frankfurter Nordend. Da, aber auch hier in der Uniklinik gilt für sie, „fließt alles zusammen“, das Pädagogische und das Theologische. In der auf soziale Berufe spezialisierten Schule sei es oft um Ethisches am Lebensende gegangen, in ihrer neuen Tätigkeit, sei sie viel mit Themen am Anfang eines Lebens beschäftigt, fasst sie zusammen.

Neumanns Auftaktpensum beinhaltete die Mitgestaltung eines Gottesdienstes für die Angehörigen verstorbener Kinder, der alljährlich im November in der Heiliggeistkirche gehalten wird. Zum Einstieg gehörten aber auch die Tage, in denen die Theologin in eine andere Haut geschlüpft ist, sprich in Pflegedienstkleidung auf verschiedenen Stationen hospitiert hat: „Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt“, mit dabei zu sein, beim Wechsel der Schicht, bei den Gesprächen am Rande der Visite, auch beim Alltag in der Stationsküche. Zum Kennenlernen der Menschen, auch der alltäglichen Abläufe war die Zeit für Sybille Neumann hilfreich.


Schön wäre mehr Zeit für Gespräche mit dem Pflegepersonal

„Tür- und Angelgespräche“ führe sie vielfach mit dem Pflegepersonal, erläutert Sabine Bruder. Bis zur Mittagszeit waren es an diesem Tag schon zwei, um Stress ging es. Corona drückt auf Gemüter und Nerven – so erleben es beide, sie machen sich erkennbar Sorgen, dass der Mangel an Pflegekräften noch eklatanter werden könnte. Für mehr als eine kurze Stimmungsmeldung, mal ein Ohr, ein wenig Aufmerksamkeit schenken, reicht es bei den Kurzgesprächen an den Türschwellen nicht, „da hätte ich gerne mal mehr Zeit“, sagt Bruder.

Einen anderen Ausschnitt aus dem Tag, aus einem Doppelzimmer der Onkologie, schildert die katholische Patoralreferentin. Eine Patientin, sie wird palliativ behandelt, liegt dort, „ihr ist bewusst, es ist ihr letzter Tag bei uns“. Im Nachbarbett eine weitere Frau, auch bei ihr ist der Krebs fortgeschritten, mit ihr ist Sabine Bruder – eher ungeplant – ins Gespräch gekommen. Den Tod unweit vor Augen, das eigene Leben auch sichtlich begrenzt, hat die Patientin erzählt, – lange. Die Seelsorgerin nimmt sich dafür die Zeit. So etwas wie eine „Bilanzierung“ unternähmen die Menschen oftmals in solch einer Situation, „das ist vielleicht ein bisschen technisch ausgedrückt“, aber der Begriff passe schon zu dem Sinnieren über das was war und das was bleibt, Fragen zu Gott gliedern sich da ein.