1. Jun 22 | Aktion "Before I die" fragt nach Sterblichkeit


Verena Maria Kitz vom Zentrum für Trauerseelsorge hat ihren persönlichen Wunsch schon notiert: Nach Neuseeland möchte sie reisen. Foto: Anne Zegelman

Was sie noch tun möchte, bevor sie stirbt? Da muss Verena Maria Kitz, Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge St. Michael, nicht lange überlegen. „Nach Neuseeland reisen“, sagt sie. „Einen langen Weg gehen. Und ein Baby halten.“

Um Antworten wie diese geht es bei der Aktion „Before I die“. Dabei sind Menschen von Donnerstag bis Samstag dazu eingeladen, sich Gedanken über Lebenswünsche zu machen, die sie sich noch erfüllen möchten. Damit die Wünsche niedergeschrieben werden können, steht vor dem Punctum in der Liebfrauenstraße eine große schwarze Wand, die von Hausmeister Yilmaz Sekerli extra mit Tafellack gestrichen wurde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Trauerzentrums sind vor Ort und können auf Wunsch angesprochen werden; ein Gespräch ist aber natürlich kein Muss.


Aktion lebt von der Leichtigkeit


„Wir wollten das eigentlich schon vor zwei Jahren machen, doch dann kam Corona“, berichtet Kitz. Plötzlich hätte diese Aktion, die ja eine gewisse Leichtigkeit in den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit bringen soll, nicht mehr in die Zeit gepasst. „Mittlerweile sind die Infektionszahlen gesunken – und vor allem haben viele Menschen durch den Ukraine-Krieg ein neues Bewusstsein dafür entwickelt, dass das Leben endlich und kostbar ist. Deshalb holen wir das nun nach.“ Und schon beim Aufbau am Mittwoch zeigt sich, wie sehr die Frage die Menschen bewegt. Immer wieder bleiben Passantinnen und Passanten stehen, fragen nach, erzählen von eigenen schmerzhaften Verlusten und unerfüllten Träumen.

Mit der Aktion hat Verena Maria Kitz eine Idee der US-Künstlerin Candy Chang aufgegriffen, die seit einigen Jahren um die Welt geht. Chang verlor 2009 eine mütterliche Freundin - und dachte an die vielen Dinge, die sie noch hatten zusammen tun wollen. Sie entschied sich für ein Experiment: In ihrer Heimatstadt New Orleans verkleidete sie ein leerstehendes Haus mit Tafeln, auf die sie immer wieder den Satz stempelte: „Before I die I want to“. Dahinter war jeweils eine Linie gezogen, die Platz für eine individuelle Antwort bot. Wie Chang 2012 in einem TED-Talk berichtete, waren zu ihrer Überraschung schon am nächsten Tag alle Felder mit der bereitgelegten Kreide ausgefüllt – und noch immer schrieben Leute, die vorbei kamen, Antworten an den Rand der Tafeln. Die Frage schien etwas in den Menschen zu berühren. Daher entschied Candy Chang sich, ihre Idee zur Nachahmung freizugeben. Mittlerweile ist das „Before I die“-Projekt vielfach aufgegriffen und über 5000 Mal überall auf der Welt umgesetzt worden. Auf ihrer Webseite www.beforeidieproject.com stellt die Künstlerin kostenlos Informationen und Material dafür zur Verfügung.


Nicht immer weiter verschieben


Kitz, die durch eine Kollegin auf die Idee aufmerksam wurde, hofft, dass die Menschen, die von Donnerstag bis Samstag bei dem Projekt vor dem Punctum mitmachen, es als Einladung verstehen, mehr im Jetzt zu leben und Dinge nicht immer weiter zu verschieben. Und sie hofft, dass die Antworten, die dort aufgeschrieben werden, einander inspirieren. Das Trauerzentrum wird die Aktion auch digital begleiten und täglich auf Social Media (Instagram: @trauerpost, Facebook: www.facebook.com/trauerseelsorge) Storys mit den aufgeschriebenen Antworten posten. Denn die sind, wie sich in anderen Städten gezeigt hat und auf der Webseite der Künstlerin zu lesen ist, mitunter kurios. Mindestens 1000 Eheprobleme lösen, wünscht sich zum Beispiel jemand, oder auch, einfach seine Nachbarn kennenzulernen. Aber natürlich sind auch sehr ernste Gedanken dabei: In Würde altern. Die Beziehung zu den Kindern kitten. Für jemanden das Liebste sein.

Die aufgeschriebenen Antworten werden vom Trauerzentrum dokumentiert und eventuell später in einer Ausstellung oder Lesung präsentiert.